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© Ihlefeldt, EKBO

"Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir."

Hebräer 12,13
RSSPrint

Eine kurze Geschichte des Südwestkirchofes

Der Südwestkirchhof war Bestandteil einer umfassenden Zentralkirchhofsplanung des Berliner Stadtsynodalverbandes, eines 1885 ins Leben gerufenen Wirtschaftsverbandes der evangelischen Kirchengemeinden in Berlin, mit dem dieser dem durch das stetige Bevölkerungswachstum der Reichshauptstadt zunehmenden Mangel an innerstädtischen evangelischen Bestattungsplätzen entgegenwirken sollte. Es wurde daher wegen der Schwierigkeiten, in Stadtnähe geeignetes Gelände zu vertretbaren Kosten zu erwerben, beschlossen, dass „große weit von Berlin gelegenen Kirchhöfe anzulegen und unter Ausnutzung aller modernen Verkehrsmittel mit der Stadt zu verbinden seien“. Auf diesen Großfriedhöfen sollte jede Berliner Innenstadtkirchengemeinde, die Bestattungsfläche benötigte, ihr separates Begräbnisfeld erhalten. Neben dem Südwestkirchhof waren der bereits am 1. Juli 1908 eingeweihte und noch heute bestehende Ostkirchhof Ahrensfelde und der nicht verwirklichte Nordkirchhof in Mühlenbeck Bestandteil dieser Planung.

Im Jahr 1902 erwarb der Stadtsynodalverband daher auch in Stahnsdorf rund 150 Hektar Waldland, zu denen später noch etwa 50 Hektar hinzukamen. Die Gestaltung wurde, wie auch in Ahrensfelde und Mühlenbeck, dem Gartenbaumeister Louis Meyer (1877-1955) übertragen, der unter Einbeziehung des ursprünglichen Landschaftsbildes eine Anlage nach dem Vorbild Peter Joseph Lennés plante. Zur Erschließung der Begräbnisblöcke ließ Meyer einen mehr als zwei Kilometer langen Ringweg anlegen, während ein engmaschiges Wegenetz die Blöcke untereinander verbinden sollte. Zahlreiche kleine Plätze mit oftmals aufwendigen Brunnenanlagen und Sichtachsen setzen Schwerpunkte in der Landschaftsgestaltung. In besonders kunstvoller Beziehung zum Sichtachsengeflecht steht die an norwegische Stabholzkirchen erinnernde Holzkapelle, die, wie auch die übrigen Bauten des Friedhofes, von Gustav Werner (1859-1917) entworfen wurden.

Mit der Einweihung der Kapelle wurde der Südwestkirchhof am 28. März 1909 seiner Bestimmung übergeben. Am 8. April 1909 erfolgte mit der Bestattung der pensionierten Lehrerfrau Elisabeth Wenzlewski aus der Nathanael-Gemeinde in Schöneberg die erste Beerdigung auf einer noch heute erhaltenen, unscheinbaren Grabstätte. Ihr folgten bis zum heuteigen Tag ca. 113.000 Menschen, die hier in schlichten Reihen- oder aufwendigen Familiengräbern, anonymisierenden Urnengemeinschaftsanlagen oder individualisierenden Mausoleen, verwunschenen Gräbern unter Bäumen und militärisch strengen Kriegsgräberanlagen ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Unter ihnen finden sich zahlreiche herausragende Persönlichkeiten, wie z.B. Rudolf Breitscheid, Lovis Corinth, Hugo Distler, Engelbert Humperdinck, Gustav Langenscheidt, Friedrich Wilhelm Murnau, Werner von Siemens, Louis-Ferdinand Ullstein, Friedrich Weißler und Heinrich Zille.

Bedeutende Grabmalschöpfungen u.a. von Emil Cauer, Alfred Grenander, Hugo Lederer, Ludwig Manzel, Franz Seeck, und Max Taut zeigen den Reichtum der Bestattungskultur, deren Zeugnisse teilweise älter als der Friedhof selbst sind. Denn infolge der nationalsozialistischen Planung einer „Reichshauptstadt Germania“ wurden ab 1938 mehr als 15.000 Grabanlagen von den Friedhöfen „St. Matthäus“ und „Zwölf-Apostel“ in Berlin-Schöneberg nach Stahnsdorf überführt. Während die bedeutenden Erbbegräbnisse und Mausoleen des „Alten St. Matthäus-Friedhofes“ in der mehr als einen Kilometer langen „Alten Umbettung“ am Nordrand des Südwestkirchhofes wieder errichtet wurden, wurden Reihen- und Urnengräber im Bereich des Grabfeldes „Neue Umbettung“ zusammengefasst.

Eine friedhofskulturelle Besonderheit stellen auch die in je eigenem Stil gestalteten Kriegsgräberanlagen für gefallene italienische und britische Soldaten des Ersten Weltkrieges dar, die sich bis heute in der Gesamtverantwortung beider Nationen befinden. Die englische Königin Elisabeth II. würdigte diesen besonderen Ort im Jahr 2004 mit einem Besuch.

Ein großes Problem war bereits zu dieser Zeit der Einweihung des Friedhofes seine Erreichbarkeit. Mit dem auf Kosten der Evangelischen Kirche erfolgte Bau der am 3. Juni 1913 in Betrieb genommenen Eisenbahnstrecke zwischen Berlin-Wannsee und Stahnsdorf-Friedhof, der sogenannten „Friedhofsbahn“, änderte sich die Situation jedoch grundlegend. Mit ihr wurden nicht nur Besucher, sondern auch die Leichname zum Südwestkirchhof gebracht. Ab dem Jahr 1930 war sie Bestandteil des Berliner S-Bahnnetzes. Die Bahn verkehrte mit kurzen kriegsbedingten Unterbrechungen bis zum Bau der Mauer im Jahr 1961.

Durch dieses Ereignis wurde der Südwestkirchhof von seinem ursprünglichen Einzugsgebiet abgeschnitten, mit gravierenden Auswirkungen auf die Bestattungszahlen. Trotz aller Bemühungen der Verantwortlichen blieb diese Entwicklung nicht ohne Folgen für den Zustand der Infrastruktur der Grabmale und Hochbauten. Sie ermöglichte aber auch die einmalige Rückeroberung des Kulturraumes durch die Natur. Erst nach dem Fall der Mauer gelang es dem Friedhofsträger, der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz als Rechtsnachfolgerin des aufgelösten Berliner Stadtsynodalverbandes, mit öffentlicher und privater Unterstützung Restaurierungs- und Sanierungsmaßnahmen durchzuführen und zumindest die wesentlichen Grundstrukturen des Friedhofes wieder sichtbar zu machen. Seit dem Jahr 2000 unterstützt der „Förderverein Südwestkirchhof Stahnsdorf e.V.“ den Friedhofsträger in seinen Bemühungen um die Erhaltung des Südwestkirchhofes, der längst auch zahlreichen musikalischen und anderen kulturellen Veranstaltungen Raum bietet.  

Inzwischen hat die Metropole Berlin den Südwestkirchhof aber auch als das wiederentdeckt, was er immer war: ein Ort, an dem die christliche Gemeinde ihre Toten zur letzten Ruhe bettet und der jedermann offen steht, unabhängig von seiner konfessionellen Bindung. Rund 1000 Bestattungen im Jahr lassen den Südwestkirchhof zwar nicht seine ursprünglich ihm zugedachte Rolle als Zentralfriedhof für Berlin einnehmen, legen aber Zeugnis davon ab, dass er als Ort im Bewusstsein der Menschen wieder wahrgenommen wird.

Dr. Arne Ziekow

(Überarbeitete und gekürzte Fassung des Beitrages: "Der Weltstadt entrückt - Eine kurze Geschichte des Südwestkirchhofes" in Siegmar Brüggenthies: Der Welt abhanden gekommen - Südwestkirchof Stahnsdorf, Halle (Saale) 2012)